Deutscher Gewerkschaftsbund

01.05.2013

Zu wenig Profil – Prämiertes Wirtschafts-Schulbuch zeigt schwere Mängel

Vertreterinnen und Vertreter von Wirtschaftsverbänden und Wirtschaftswissenschaften versehen ihre Schulmaterialien gern mit einem eigenen „Gütesiegel“. Damit soll Lehrkräften glauben gemacht werden, die Materialien seien von fachlicher und didaktischer Qualität und könnten bedenkenlos im Unterricht eingesetzt werden. Dass dem oft nicht so ist, zeigt eine Analyse des - von Wirtschaftsseite - preisgekrönten Buchs „Praxis Wirtschaft Profil“.

Als David McAllister noch niedersächsischer Ministerpräsident war, suchte er händeringend nach einer Strategie, um den Schulfrieden im Lande herzustellen. Heraus kam die - die Haupt- und Realschule zusammen fassende und das Gymnasium unangetastet lassende – Oberschule. In dieser können die Schüler der 9. und 10. Klassen seit dem Schuljahr 2011/12 das Profil Wirtschaft wählen und somit jeweils bis zu sechs Stunden Wirtschaftsunterricht erhalten.

Eine Autorengruppe des Oldenburger „Instituts für Ökonomische Bildung“ (IÖB) nahm dies zum Anlass, ihrem Grundlagenband „Praxis Wirtschaft“ ein eigenständiges Schülerbuch „Praxis Wirtschaft Profil“ folgen zu lassen. Unabhängig davon, in welche Richtung die neue Landesregierung das bildungspolitische Ruder werfen wird, soll hier dieses neue Wirtschafts- Lehrbuch exemplarisch einer „TÜV-Prüfung“ für sozioökonomische Bildung unterzogen werden. Auch wenn die Kriterien gegenstandsbedingt nicht so vereinheitlichbar sind wie bei der Fahrzeugkontrolle, so haben sich doch inzwischen einige Gütepunkte zur Beurteilung herauskristallisiert.

Die Finanzkrise als „Naturereignis“

Ein erster Lackmustest ist die Frage nach der Schüler- sowie Kontroversitäts -Orientierung eines Materials der sozio-ökonomischen Bildung. Diese lässt sich gut am Thema Finanzkrise stellen. Sie ist das aktuelle sozioökonomische Thema. Schüler der 9. Und 10. Klassen werden diese – teils medial vermittelt - bewusst miterlebt haben. In dem Lehrbuch von Kaminski et al. werden „Internationale Finanzkrisen“ lediglich am Ende des Buches allgemein behandelt und nicht mit dem Derivatehandel verknüpft, sondern vielmehr mit den Anschlägen vom 11. September 2001. Den Schülern muss die aktuelle Finanzkrise somit als vernachlässigbare Größe, als überwunden, als „amerikanisches Problem“ sowie als „Naturereignis“ vorkommen, wie die Karikaturen über Finanz-Tsunamis und US-Finanzsystem-Erdbeben (s. S. 218/219) suggerieren.

Ein weiteres Qualitätskriterium ist der Lebenswirklichkeitsbezug (s.iböb, 27) für die Zielgruppe. Hier sind im Oldenburger Wirtschaftsbuch Ansätze zu erkennen, wenn etwa Preisbildung am Fallbeispiel „Senta und ihr Handy-Problem“ aufgezeigt wird. Oder wenn im Kapitel „E-Commerce“ die gerade fertig ausgebildete Tischlerin Anna ihren Autowunsch nur durch einen Ratenkredit realisieren kann. Aber der weitaus größte Teil der in dem Buch aufgegriffenen Themen hat mit der Lebenswirklichkeit der jungen Menschen wenig bis gar nichts zu tun („Gründung eines Unternehmens“, „Unternehmen: Ort der Existenzsicherung“, „Das Unternehmen und seine Leistungen“) oder wird so vermittelt, dass der Bezug nicht hergestellt wird („Internationale Arbeitsteilung“) - um einige Kapitelüberschriften zu nennen. Auch gesellschaftliche oder individuelle Schlüsselprobleme (s. iböb, 27) werden hier meist nicht thematisiert.

Hiermit wären wir bei der didaktischen Relevanz der ausgewählten Themen. Und da müssen sich die Autoren fragen lassen, warum Sie Themen wie Bafög, Berufswahl, Kündigungsschutz, Jugendvertretung im Betrieb, Mindestlohn, Leiharbeit, Ökologie-Ökonomie oder Strukturwandel der Arbeit nicht (angemessen) berücksichtigt haben. Diese wären für die 15 bis 16-Jährigen relevant, sie sind aktuell und gesellschaftlich kontrovers.

Ohnehin wird das Buch dem Kontroversitätsgebot nicht gerecht. Wenn drei von zehn Kapiteln das Wort „Unternehmen“ im Titel führen, aber keines „Gewerkschaften“ oder „Zivilgesellschaft“ oder „Soziale Bewegung“ oder nur „Bürger“, riecht das stark nach gar nicht einmal mehr subtiler Vermittlung von Unternehmersicht. Auch als didaktisches Prinzip ist Kontroversität bzw. Multiperspektivität nicht zu erkennen. Zwar wird etwa zu Themen wie Knappheit, Arbeitslosigkeit oder Kartellpolitik die Sichtweise verschiedener ökonomischer Akteure vermittelt, zu den meisten anderen Themen jedoch nicht oder nicht im Sinne einer integrierten sozialwissenschaftlichen Bildung (s. Hedtke, 69ff.), nach der ökonomische Bildung Teil gesellschaftlicher Bildung ist.

Pluralismus? Fehlanzeige!

Deren Ziel müsste ein wissenschaftlicher, politischer und weltanschaulicher Pluralismus sein, der sich etwa in differenten, ausgewiesenen Quellen, Zitaten und der Darstellung kontroverser Positionen ausdrückt. Bei Kaminski & Co-Autoren: nahezu Fehlanzeige. Darüber hinaus müsste eine qualitativ hochwertige sozio-ökonomische Bildung die wirtschaftlichen Sachverhalte in gesellschaftliche, politische, kulturelle Kontexte einbetten. So wie es in der sozialen Realität der Fall ist. Alles andere wäre Ökonomismus. Aber bereits der ambivalente Titel der Einleitung für die Schüler suggeriert genau diesen: „Wirtschaft überall“ (Kaminski, 6). Und die Kapitelfolge stützt den Verdacht, dass hier Wirtschaft gleichsam „vorgesellschaftlich“ gedacht wird: „1.Knappheit, Entscheidungen, Märkte 2. Das Unternehmen und seine Leistungen 3. Gründung eines Unternehmens 4. Der Wirtschaftskreislauf.“ Erst „5. Der Staat im Wirtschaftskreislauf“ verlässt die ökonomische Sphäre explizit und dort werden etwa Sitten und Bräuche sowie Rechte als Grundlagen einer Wirtschaftspolitik genannt. Die Vielfalt der Bezugswissenschaften einer sozio-ökonomischen Bildung (s. Lange/Menthe, 26) ist auch damit freilich noch nicht abgebildet. VWL, Kulturwissenschaften und Jura reichen bei Weitem nicht aus. Zentrale Bezugswissenschaften müssen Politologie und Soziologie – auch Geschichte und Ethik - sein. Die Übertragung der Struktur eines VWL-Proseminars auf ein Wirtschafts-Lehrbuch wird dem Anspruch einer sozioökonomischen Bildung eben nicht gerecht.

Ein Lichtblick des Buches scheint das Modell des „Politikzyklus“ und dessen Anwendung auf den Gammelfleischskandal von 2005 zu sein (s. Kaminski, 184-187). Explizit wird hier die politische Sphäre mit einbezogen. Ob das Modell allerdings zur Darstellung der komplexen gesellschaftlichen Realität taugt, ist ebenso fraglich wie die bloße Übertragung auf das Verbraucherinformationsgesetz. Sowohl Interdependenzen zwischen Politik und Wirtschaft als auch Machtgefälle bleiben so außen vor.

„Selbstökonomisierung“ als Gefahr

Betrachtet man das Lehrwerk mit Hinblick auf die pädagogische Maxime der Handlungsorientierung, werden ebenfalls schwerwiegende Mängel sichtbar, denn als von den Lernsubjekten, also den Schülern selbst, politisch gestaltbar wird Wirtschaft hier so gut wie gar nicht dargestellt. Allenfalls, indem die Gründung eines Unternehmens durchgespielt wird. Die Gefahr einer Selbstökonomisierung (s. Nitschke), wird hier nicht gesehen. Auch nicht, dass der allergrößte Teil der Schülerinnen und Schüler später wohl eher abhängig beschäftigt sein wird und sich ihnen von daher eher Fragen nach „guter Erwerbsarbeit“, „gutem Lohn“ und der Zukunft bzw. einem drohenden „Ende der Arbeit“ (s. Rifkin) stellen wird.

Da helfen auch die durchaus zahlreichen Abbildungen im Buch, die Frisörinnen, Bäcker oder TischlerInnen zeigen, nicht. Wird deren gesellschaftliche Realität nicht aufgegriffen, verkommen die Fotos zur bloßen Ornamentik.

Bleibt die Frage nach der Offenlegung der normativen Kriterien (s. Lenge / Menthe, 27). Expliziert werden diese nicht. Implizit dürfte – und dies geht aus den vorangehenden Ausführungen eindeutig hervor - ein zentrales Kriterium die Effizienz des homo oeconomicus sein. Lebensqualität, Solidarität, Gerechtigkeit oder die Gestaltung einer lebenswerten Ökonomie spielen hingegen so gut wie keine Rolle. Auch Mündigkeit – als zentrales Paradigma der politischen Bildung – nicht.

Die Autoren mögen einwenden, dass all dies in einem kleinen Lehrbuch, das für die Sekundarstufe I des mittleren Bildungsgangs konzipiert ist, nicht darstellbar ist. Aber eine solche Argumentation, die dem ökonomischen Minimalprinzip folgen würde, überzeugt in der schulischen Wirtschaftslehre nicht. Sozioöknomische Bildung muss breites – und tiefes – Profil zeigen. Sonst verkümmert sie zum Ökonomismus.

Dass die Bundesarbeitsgemeinschaft SCHULEWIRTSCHAFT dem Buch Ende 2012 ein Gütesiegel für das beste Buch für ökonomische Bildung in der Sekundarstufe I verliehen hat, wirft ein Licht auf die Kooperation mit dem Institut für Ökonomische Bildung und die Siegelproblematik insgesamt.


Autor:
Tom Beier, WiSo-Lehrer, z.Zt. an der Goethe-Universität Frankfurt in der Lehrerausbildung tätig


Literatur:
Kaminski, Hans (Hrsg.) (2011): praxis Wirtschaft Profil, Braunschweig,
Hedtke, Reinhold (2011): Konzepte ökonomischer Bildung, Schwalbach /Ts.,
iböb (Initiative für eine bessere ökonomische Bildung) (2011). Working Paper 2, Bielefeld,
Lange, Dirk / Menthe, Jürgen (2011): ZehnThesen zur Sozio-ökonomischen Bildung, in polis 3/2011, 25-27,
Nitschke, Bernhard (2005): Selbstökonomisierung und Flexibilisierung der Arbeitnehmer, München,
Rifkin, Jeremy (2004): Das Ende der Arbeit und ihre Zukunft, Frankfurt /M.


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